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Lektüreliste Oberstufe Deutsch Ratsgymnasium Gladbeck

Das Ratsgymnasium in Gladbeck hat eine Lektüreliste mit 100 deutschen Klassikern erstellt.
Herzlichen Dank an Christine, die diese Liste zur Verfügung gestellt und digitalisiert hat.

Liebe Schüler!

Die Fachkonferenz Deutsch hat sich entschlossen, eine Lektüreliste für die Oberstufe zu erstellen. Folgende Überlegungen waren dabei ausschlaggebend gewesen.

Der Literaturunterricht hat während der vergangenen Jahre in zweifacher Hinsicht Einschränkungen erfahren. Zum einen wurde der Literaturbegriff erweitert, so dass heute immer mehr nicht-literarische Texte (Reden, Zeitungsartikel, Sachtexte zur Linguistik usw.) behandelt werden - was prinzipiell durchaus zu begrüßen ist, genauso etwa wie die Einbeziehung der Trivialliteratur. Zum zweiten ist durch die Einführung des Kurssystems die Zahl derjenigen Schüler sehr gering geworden, die einen Leistungskurs Deutsch wählen und damit im Abitur ein Niveau erreichen, welches demjenigen des für alle verbindlichen Deutschunterrichts früherer Jahre entspricht.

Beide Faktoren haben dazu geführt, dass die Literatur im engeren Sinne, also die "hohe" Literatur bzw. die "Dichtung" immer mehr in den Hintergrund geriet, und dass viele Abiturienten eine wirklich nur bescheidene Kenntnis der Literatur ihres Landes besitzen - im Gegensatz etwa zu ihren französischen Mitschülern.

Die Folgen der in den letzten Jahren zu beobachtenden Entwicklung werden seit längerem auch öffentlich diskutiert. "Man hat uns das Lesen nicht beigebracht" - diese Klage kann man häufig von jungen Menschen hören. Literaturstudenten geben ohne Umschweife zu, noch nie einen Roman "ganz" gelesen zu haben. Fotokopien der Sekundärliteratur haben das Buch verdrängt. Das "Paper" eines Hannoveraner Germanistikstudenten im 5. Semester hieß: "Nathan, der Waise". Auch durch Fernsehen ist, gerade bei Schülern, das Lesen in den Hintergrund getreten. Hierin liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr, denn das Lesen - die selbstständige Auseinandersetzung mit einem Werk, welches statt konsumierender Passivität aktives Mitgestalten verlangt - gehört zu den wichtigsten kulturellen Fähigkeiten. Lesen ist - so formuliert es der Feuilletonchef der Hamburger ZEIT, Prof. Fritz J. Raddatz - "gerade in unserer Zeit der optischen Inflation die Chance zur Besinnung, zur Selbstbegegnung. Wer sich dem Sog fremder Fantasie nie ausgesetzt hat, kann sehr schwer eigene entwickeln; kann Bedrohungen und Zwängen der wirklichen Welt kaum Aktivität entgegensetzen, nicht einmal Toleranz. Denn wer Muße nicht kennengelernt hat, bleibt ohne Initiative. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahnsinnig." Wie Sie sehen, betont Raddatz hier insbesondere den emanzipatorischen Charakter der Literatur, der auch im Curriculum unseres Bundeslandes angesprochen wird.

Angesichts der Bücherflut ist es allerdings sehr verständlich, wenn viele ohne Orientierung bleiben und resignieren. Die Feuilletonredaktion der ZEIT hat bekanntlich eine Liste von 100 Büchern der Weltliteratur zusammengestellt und kommentiert, um jungen Menschen die Lektüreauswahl zu erleichtern.

Ähnliches bezweckt auch unsere Liste. Die besteht aus 100 Büchern der deutschen Literatur, 50 davon stammen aus der Zeit vom Mittelalter bis zum Naturalismus (11. - 19. Jh.), 50 aus der Moderne (20. Jh.) Es sind hauptsächlich epische Werke, also Romane und Erzählungen; einige wenige Dramen sind auch darunter, aber da bleibt die Lektüre unvollständig, die Stücke müssen auch "gesehen" werden. Wir verweisen auf die Spielpläne in Gelsenkirchen, Essen und Bochum, auf die oft sehr guten Fernsehinszenierungen und auf den Theaterkreis des Ratsgymnasiums. Bei Gedichten wäre die Auswahl zu schwierig gewesen, die Lyrik wird ja auch von der Sexta an ausführlich im Unterricht behandelt.

Folgende Aspekte wurden bei der Zusammenstellung der Liste berücksichtigt: Die ZEIT-Liste als Vorschlagsgrundlage; das Kindler Lexikon "Hauptwerke der deutschen Literatur"; der Lektürekanon des Curriculums NRW; die Schulliteraturgeschichten; die Vorstellungen der Fachkollegen über die "Relevanz" bestimmter Bücher; die Eignung für Ihr Lesealter. Die Werke sind nicht alle von derselben literarischen Qualität, aber sie haben alle in der Literaturgeschichte eine wesentliche Rolle gespielt. Halten Sie aber nicht die Liste für das Nonplusultra; es ist unmöglich, die 100 wichtigsten Bücher einer bestimmten Literatur zu nennen, 200 oder 1000 auszuwählen wäre genauso schwer wie 10. Ihr Deutschlehrer wird Ihnen vielleicht noch einige weitere Bücher (nach seinem persönlichen Geschmack und nach seinen Erfahrungen) angeben; und Sie selbst dürfen natürlich auch andere Titel auf die Liste setzen, die Sie mit Ihrem Deutschlehrer abgesprochen haben.

Was die Benutzung der Liste angeht, so haben wir uns nach Gesprächen mit vielen Schülern auf folgenden Modus geeinigt:

Jeder Schüler (bzw. jede Schülerin) der Klassen 11 bis 13 liest in der Oberstufe 24 der aufgeführten Werke (es können natürlich auch mehr sein!), davon 12 aus der älteren Literatur (I.), 12 aus der neueren (II.) Das bedeutet also 8 Bücher pro Schuljahr bzw. 4 pro Schulhalbjahr. Die Auswahlmöglichkeiten sind dabei, wie Sie sehen, sehr groß, wenn Ihnen ein angefangenes Buch nicht gefällt, lesen Sie einfach ein anderes.

Es wird von jedem eine Kladde oder ein Ringbuch geführt, in welches man die Titel des gelesenen Bücher, eine knappe Inhaltsangabe, eine eigene Stellungnahme und einen oder zwei Titel der Sekundärliteratur (also von Interpretationen) einträgt. Dazu können Sie auch Zeitungsausschnitte, Interviews mit den Autoren o. a. eintragen oder einheften. Diese Kladde wird sicher auch später noch gewinnreich sein. Am Ende jedes Schulhalbjahres wird über die Lektüre diskutiert, Sie können Ihren Mitschülern einzelne Werke empfehlen oder auch Ihre Antipathie gegen dieses oder jenes Buch erläutern.

Das Modell ist nicht unumstößlich, es kann auch, wenn erste Erfahrungen vorliegen, wieder geändert werden. Aber als Ausgangspunkt ist es nützlich. Sicher ist ein gewisser "Zwang" dabei vorhanden, aber Sie werden zugeben, dass er möglichst klein gehalten wurde und sicher eher positiv als negativ für Sie zu veranschlagen ist.

Zu den Anmerkungen: ein "Dr" bedeutet, dass es sich um ein Drama handelt; es kommen sowohl Tragödien als auch Komödien vor.

Ein Z" hinter dem Titel bedeutet, dass das Buch auch in der ZEIT-Liste steht. Die Kommentare sind jetzt als Buch erschienen: "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher", hg. V. F. J. Raddatz, Frankfurt 1980 (= Suhrkamp Taschenbuche Nr. 645) 5,- DM.

Als Orientierung über Inhalt und Aussage der Werke können Ihnen dienen: das große Literaturlexikon von Kindler, Romanführer, Schauspielführer usw. Schauen Sie mal in der Stadtbücherei nach. Unter "Literaturkunde" finden Sie zahlreiche Hilfsmittel, z. B. Interpretationen, Autorenbücher u. a.

Viel Spaß beim Lesen!

I. Ältere Literatur (12.-19. Jahrhundert)

  • Hartmann von der Aue: Der arme Heinrich (1195)
  • Nibelungenlied (1200) Z
  • Wolfram von Eschenbach: Parzifal (1200-1210) Z
  • Gottfried von Straßburg: Tristan (1210) Z
  • Wernher der Gartenaere: Meier Helmbrecht (1250-1282)
  • Hans Jakob von Grimmelshausen: Der Abenteuerliche Simplicissimus (1669) Z
  • Christoph Martin Wieland: Geschichte des Agathon (1766/67)
  • Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti (1771/72) Dr
  • Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers (1774) Z
  • Lessing: Nathan der Weise (1779) Dr
  • Friedrich von Schiller: Die Räuber (1781) Dr
  • Schiller: Kabale und Liebe (1784) Dr
  • Karl Philipp Moritz: Anton Reiser (1785-1790) Z
  • Ulrich Bräker: Der arme Mann im Trockenburg (1789) Z
  • Goethe: Reinecke Fuchs (1794)
  • Jean Paul: Siebenkäs (1776/79) Z
  • Friedrich Hölderlin: Hyperion (1797-99) Z
  • Ludwig Tieck: Der blonde Egbert (1797)
  • Schiller: Wallenstein (1800) Dr
  • Georg Christoph Lichtenberg: Bemerkungen vermischten Inhalts (1800-06) Z
  • Novalis: Heinrich von Ofterdingen (1802)
  • Heinrich von Kleist: Der zerbrochene Krug (1808) Dr
  • Goethe: Faust I (1808) Dr
  • Goethe: Die Wahlverwandtschaften (1809) Z
  • Kleist: Michael Kohlhaas (1810) Z
  • Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (1811) Z
  • Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Die Elixiere des Teufels (1815/16)
  • Adalbert von Chamisso: Peter Schlehmil`s wundersame Geschichte (1818)
  • Clemens von Brentano: Geschichte vom braven Kasperl und vom schönen Annerl (1817)
  • Achim von Arnim: Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau (1818)
  • Hoffmann: Lebensansichten des Katers Murr.....(1819) Z
  • Kleist: Prinz Friedrich von Homburg (1821) Dr
  • Joseph Freiherr von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts (1826) Z
  • Wilhelm Hauff: Märchen (1825-28)
  • Georg Büchner: Dantons Tod (1835)
  • Georg Büchner: Lenz (1839) Z
  • Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (1842)
  • Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen (1844) Z
  • Friedrich Hebbel: Maria Magdalena (1846) Dr
  • Adalbert Stifter: Bunte Steine. Erzählungen (1853) Z
  • Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (1854/55) Z
  • Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856)
  • Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag (1855)
  • Theodor Storm: Pole Poppenspäler (1874)
  • Conrad Ferdinand Meyer: Der Schuß von der Kanzel (1877)
  • Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888)
  • Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891) Dr
  • Wilhelm Raabe: Stopfkuchen (1891)
  • Gerhard Hauptmann: Die Weber (1893) Dr
  • Theodor Fontane: Effie Briest (1894/95)
  • Theodor Fontane: Der Stechlin (1897) Z

II. Neuere Literatur (20. Jahrhundert)

  • Thomas Mann: Buddenbrooks (1902) Z
  • Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törless (1906) Z
  • Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) Z
  • Heinrich Mann: Der Untertan (1918) Z
  • Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit (1918/19) Dr
  • Kurt Tucholsky: Satiren (1907-1932)
  • Hugo von Hofmansthal: Der Schwierige (1921) Dr
  • Thomas Mann: Der Zauberberg (1924)
  • Franz Kafka: Das Schloß (1926) Z
  • Hermann Hesse: Der Steppenwolf (1927) Z
  • Franz Werfel: Der Abituriententag (1928)
  • Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929) Z
  • Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues (1929)
  • Hans Henny Jahn: Perrudja (1929)
  • Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick (1930) Dr
  • Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (1930-33)
  • Bertolt Brecht: Geschichten von Herrn Keuner (1930-1956) Z
  • Erich Kästner: Fabian (1931)
  • Hermann Broch: Die Schlafwandler (1931/32)
  • Joseph Roth: Radetzkymarsch (1932)
  • Franz Kafka: Erzählungen (1935) Z (entstanden 1913-1924. Das Fischer-Taschenbuch Nr. 19 enthält die neun wichtigsten)
  • Elias Canetti: Die Blendung (1935)
  • Werner Bergengruen: Der Großtyrann und das Gericht (1935)
  • Bertolt Brecht: Mutter Courage (1939) Dr
  • Anna Seghers: Das siebte Kreuz (1942) Z
  • Stefan Andres: Wir sind Utopia (1943)
  • Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür (1947) Dr
  • Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom (1947)
  • Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker (1952)
  • Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus (1953)
  • Max Frisch: Stiller (1954) Z
  • Max Frisch: Homo faber (1957)
  • Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957)
  • Gerd Gaiser: Schlussball (1958)
  • Günter Grass: Die Blechtrommel (1959) Z
  • Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob (1959)
  • Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker (1962) Dr
  • Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns (1963)
  • Christa Wolf: Der geteilte Himmel (1963) DDR
  • Hermann Kant: Die Aula (1966) DDR
  • Max von der Grün: Irrlicht und Feuer (1967)
  • Siegfried Lenz: Deutschstunde (1968)
  • Günter Grass: Örtlich betäubt (1969)
  • Peter Handke: Die Angst des Torwarts beim Elfmeter (1970)
  • Peter Rühmkorf: Die Jahre, die ihr kennt (1972)
  • Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974)
  • Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. (1973) DDR
  • Peter Schneider: Lenz (1973)
  • Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre (1977)
  • Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (1977)