Forum: Gedichte

Re: gedichte von ulla hahn
geschrieben von: Fisheye (IP-Adresse bekannt)
Datum: 29. November 2005 21:33

Also mein Ansatz war so:

Interpretation des Gedichtes “Bildlich gesprochen” von Ulla Hahn

Das Liebesgedicht „Bildlich gesprochen“ von Ulla Hahn scheint auf den ersten Blick von einer harmonischen und hingabevollen Liebesbeziehung zu handeln. Bei genauerem Lesen zeigt sich jedoch, dass hinter der Oberflächenhandlung eine zweite, tiefergehende Problematik steckt. Ulla Hahn beschreibt in ihrem Gedicht eine Figur, welche ihren Partner weniger als Mensch, sondern mehr als Eigentum oder Besitz sieht und von Gefühlen der Eifersucht geplagt ist. Diese Handlung verpackt sie in Elemente der Natur und Mythen, wodurch der genauere Sinn des Gedichts erst bei mehrmaligen Lesen deutlich wird.
Das Gedicht besteht aus drei Strophen. Alle Strophen sind in der selben Art und Weise aufgebaut. Jede Strophe besteht aus vier Zeilen von denen sich jede zweite und letzte Zeile reimen, es handelt sich hierbei immer um männlich bzw. stumpfe Kadenzen. Weiter beginnen alle drei Strophen mit dem Konjunktiv von sein (vgl. Z. 1,5,9), was das ganze Gedicht in ein sehr abstraktes Licht setzt.
Der Titel des Gedichts zunächst keinen Einblick in die Handlung, auch nach dem ersten Lesen erscheint die Überschrift weitgehend neutral.
Die Autorin schildert aus der Perspektive des Ich-Erzählers ( vgl. Z. 1,3,5,7,9), dies weißt auf eine starke Personifizierung der Autorin mit der Figur des Textes hin. Des Weiterem setzt Ulla Hahn immer zwei Metaphern einander gegenüber was zu einer starken Verbindung der Zeilen untereinander führt. In den ersten zwei Zeilen, der ersten Strophe werden so Baum und Hand in ein und denselben Kontext gestellt, was zu einer bildlichen Verschmelzung der Bedeutung von Baum und Hand führt. Das heißt die Metapher des Baumes, das Vertrauen oder der Vertraute und die der Hand, das sich hingezogen Fühlen, verschmelzen zu einer bildlichen Vorstellung. Der des Verlangen nach dem Vertrauten. So verbindet die Autorin in jeder Strophe jeweils zwei Zeilen mit einander. Das Meer mit den Burgen aus Sand, welche versuchen das Meer zu begrenzen oder zurückzudrängen. Damit wird in jedem Zeilenpaar ein direkter Bezug zwischen Ich-Erzähler und der Figur des Angebetetem geschaffen. Über diese bildlichen Verbindungen ist gut die Wandlung der Handlung zu erkennen. Was in der ersten Strophe mit einer gesunden Hingabe (vgl. Z. 1,2), welche zur Liebe notwendig ist, beginnt, schlägt, über die zweite Strophe, bei der nun mehr der Besitz des vermeintlichen Partners im Vordergrund steht (vgl. Z. 5,6; der Versuch die Blume, das Objekt des Begehrens umzuwurzeln ist nicht nur völlig sinnlos, sondern zeigt auch, mit welcher Überzeugung der Erzähler sein Projekt umsetzen will), um zur krankhaften Warnvorstellung, dass, wenn die Figur des Erzählers nicht bekommt was sie will, ihren Partner beseitigen müsste (vgl. Z. 11,12; der Vergleich des Partners mit einem Stern, welcher vom Himmel abgeknallt werden muss, lässt kaum einen anderen Schluss zu, als den einer Drohung).
Die Gesamtaussage des Gedichtes ist wie in den meisten Liebesgedichten zeitlos und somit auch heute noch relevant. Die Gefühle und Handlungsweisen der Hauptfigur können vom Leser erst nach mehrmaligem Lesen nachvollzogen werden, da Handlung und Handlungsverlauf, auf den ersten Blick Sinnlos, in Metaphern integriert sind. Zum Schluss stellt sich die Frage, ob man bei solch einer Intensität und Fülle an bösartigen Gefühlen noch von Liebe sprechen kann? Zweifelsfrei wird zu Beginn des Gedichts von der selbstlosen Hingabe zum Angebetetem gesprochen, was meiner Meinung nach nicht verwerflich, ja sogar notwendig für die Liebe ist. Auch an Eifersucht und dem Willen zur Kontrolle ist im Grunde nichts auszusetzen, jedoch wenn diese Gefühle zu Zerstörungswut, besitzen wollen und purem Eigeninteresse umschlagen, was in den letzten zwei Zeilen der zweiten Strophe und der kompletten dritten Strophe eindeutig der Fall ist, kann man auf keinen Fall mehr von Liebe oder ähnlichen Gefühlen reden.

Wörter: 603

© H.D.Stürmann




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